Soziokultur, eine Illusion? Gastkommentar Thomas Wackerlig

http://www.wackerlig.com/

in den neunzigern wussten wir noch nicht wirklich wohin die reise geht…
wir fühlten zwar, dass eine grosse lawine auf uns zukommt, aber niemand konnte erahnen mit welch brutalität und geschwindigkeit wir in den strudel der leistungsfabriken und neuen medienautomaten hineingezogen wurden…jetzt sind viele unter schock, erstarrt und doch getrieben

…doch wenn der leidensdruck zu hoch wird,
entstehen wieder leidenschaften jenseits von anpassung und einfältigkeit;
alles gute meine lieben

Günther Floner Kommentar

Dein Text ist ein Highlight, hat mich stark betroffen.
Wie schon bei einigen Deiner Aufsätze, Briefe oder Manifeste habe ich das Bedürfnis, es hochoben und lautstark zu präsentieren. Deine ehrliche,drastische Wortwahl macht mir auch Mut, offener zu werden.
Ja, hochverehrter Thomas Wackerlig, die Brutalität der Leistungseffizienz hat unsere schon aufdämmernden Alpträume noch bei weitem übertroffen. Der Schock über die Auslöschung der soziokulturellen Vision (meiner und Deiner und vieler Menschen) und vor allem das Lachen der anderen darüber, hat uns niedergeworfen.
Und jetzt kommst Du zum Schluß, schreibst von Leidenschaften jenseits von Anpassung und Einfältigkeit. Ich danke Dir dafür. Das ist es, was mich antreibt, die absolute Leidenschaft. Sie war nie ganz verschwunden, aber jetzt ist sie in vollem Maße ausgebrochen: und zwar im doppelten und wahren Sinn.

Alles Gute für Dich und Deine Freunde.
Sehr gern will ich mitarbeiten,
Günther

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5 Kommentare zu “Soziokultur, eine Illusion? Gastkommentar Thomas Wackerlig

  1. Pingback: Soziokultur, der Weg in freie Zeit und Entwicklungsarbeit | SozioKultur

  2. Hallo Bernd!
    Bezaubernde Worte.
    Dein ‚Was tut sich mit uns?“, will ich hervorheben und nocheinmal weitergeben.
    Bitte zeigt auf und schreibt, wie ihr euch fühlt beim „vorbehaltlos Hinschauen“.
    Die Somatik (= den Körper betreffend), die Du erwähnst, ist meine eigentliche Triebfeder.
    Das Unfriedliche, das Unglückliche am Geldarbeitsplatz und in der Nahrung macht mich stark krank.
    Es ist also entscheidend für mich,
    die Mutigen zu hören, die Öffnung zulassen und Einblick gewähren in ihr Wesen.
    Das hilft mir sehr,
    damit meine Vision von freier, sinnvoller und individueller (Kultur)arbeit,
    nicht endgültig zur Illusion abstürzt.
    Für diese – SozioKultur = Freie Entwicklungsarbeit – will ich mich entwickeln
    und mithelfen beim Erfinden einer Finanzierung.
    Meine Leidenschaft braucht geistreichen Input, wie Deinen, Bernd.
    Und danke für Dein eingangs erwähntes
    „die gegenwärtige Verunmenschlichung des (Arbeits-) Lebens ist heftig und allumfassend!“.
    So darf ich das jetzt auch noch doppelt unterstreichen, denn ich alleine will nicht drastisch klingen.

    Vor allem, weil es so ist, dass schon Licht aufsteigt am Horizont.

    Alles Gute für Dich und Deinen Lebensraum,

    Günther

    • Ich denke, das Licht kann erst dann aufsteigen, wenn wir unseren Schatten vorbehaltlos anschauen können. Das tut weh, weil wir ihn alle nähren. Aber erst dieses „Berührt werden“ schafft (vielleicht) eine Veränderung!

      • Ich will das.
        Ich will nicht allein sein, fertiggelernt und ohne Entwicklung.
        Ich will hinein- und zuhören, was andere sagen und zusammenarbeiten.

        Soziokultur ist eine Idee als Überschrift,
        weil ich glaube, wir können damit Zeit gewinnen.
        Zeit für uns selbst und Zeit für die Besonderen, die näher kommen.

        Naja und das aufsteigende Licht?
        Ein Wunsch, eine Vision, ein harter Weg?

        Ich möchte ab jetzt weiter bei kulturschaffenden Menschen anklopfen
        und diese Fragen stellen.
        Danke für Dein Engagement und bitte bleib dabei, Bernd.

  3. Hallo Günther, hallo Thomas!
    In der Tat – die gegenwärtige Verunmenschlichung des (Arbeits-) Lebens ist heftig und allumfassend! Ich hatte letztes Jahr das Glück Frau Professor Claudia von Werlhof kennen zu lernen und mit ihr ein Hörbuch zu verfassen („Der unerkannte Kern der Krise“, http://www.mokshamusic.at). Sie hat mir vor ein paar Tagen eine Art Gegenwarts Manifest zukommen lassen, aus dem ich kurz zitieren möchte:

    „Die Frage heute lautet: Was sollen wir tun? (auch: nicht –mehr – tun?)
    Aber es stellt sich heraus, dass die Frage anders lautet: Was tut sich mit uns? (auch: was tut sich gerade nicht mit uns?)
    Das eine ist die Frage nach der sozialen Bewegung, das andere die nach einer erweiterten Psycho-Somatik, einer Art von „Sozio-Somatik“ – nämlich den Folgen des Geschehens im „kollektiven Unbewussten“ (C.G. Jung) einer ganzen Bevölkerung. Das kann offenbar auch äußerlich feststellbare körperliche, ja krankhaft-epidemische und sogar tödliche Ausmaße annehmen (s. Franz Renggli über die Pest im 14. Jh. in: Selbstzerstörung aus Verlassenheit).
    Für Renggli war die Pest in Europa, der im 14. Jh. ca. ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer fiel, die Folge der Umbrüche zur Neuzeit, die alle dahin geltenden Werte und Normen, Lebens- und Verhaltensweisen, insbesondere das Verhältnis zur Natur, also Ökonomie und Technik, das zwischen den Geschlechtern, zur Politik und zu „Gott“ vollständig umkrempelten und dadurch eine tiefe Ratlosigkeit, Verunsicherung, ja den Zusammenbruch des Weltbildes und des Vertrauens in die Welt nach sich zogen. Dadurch wurden die Menschen so geschwächt, dass sie massenhaft erkrankten, und zwar an derselben Krankheit, in dem Falle der Beulen- oder „Schwarzen Pest“, und an ihr starben. (Warum es gerade diese Krankheit war, erklärte Renggli nicht, aber er war nahe dran: Es hatte mit der Inquisition zu tun – das ist meine These – die schon seit 2 Jh. wütete und durch Folter und Feuertod genau diejenigen Merkmale hervorbrachte, die der Beulenpest äußerlich so glichen… War also die Pest eine unbewusste, ins Negative gewendete, kollektiv solidarisch-selbstmörderische Mimesis an die „Pein“ und ihr epidemischer somatischer Ausdruck? Ich traue mich gar nicht, diese Frage zu formulieren, an wen auch soll man sie stellen? – geschweige denn ihre Konsequenzen für heute zu bedenken, vgl. wenigstens Croissier: PA im Raum der Göttin; vgl. auch meinen Text zur „Verschattung“ der Hausarbeit…).
    Renggli hat prophezeit, das wir heute in einer ähnlich massiven Umbruchphase stecken würden und mit entsprechenden Konsequenzen rechnen müssten, also epidemischen Massenerkrankungen und Massentod. Irgendwie hat er aber nicht gesagt, wie, warum, wann…
    Sichtbar ist bisher der Krebs als Massenerkrankung infolge einer Art Erstarrung des Lebendigen und des Wucherns des Unlebendigen…Hängt er mit dem „burn-outen“, dem Ausbrennen, dem Erkalten zusammen?“

    Wie bei allen Texten Claudia von Werlhofs ist es wichtig, sich einfach mal darauf einzulassen und sich davon berühren zu lassen. Sie legt Finger in Wunden und was sie sagt ist alles andere als angenehm. Aber um eine Veränderung bewirken zu können, müssen wir zu allererst mal vorbehaltlos hinschauen können „was ist“ und nicht gleich nach Antworten, Lösungen Ausflüchten suchen. Aus der Betroffenheit entsteht dann (ein hoffentlich neues) Handeln!
    In diesem Sinne –
    betroffene Grüße,
    Bernd Bechtloff

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